strickstrack Das Parteiensystem, wie wir es kennen, hat seinen Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg als die Bundesrepublik Deutschland ins Leben gerufen wurde. Inzwischen sind viele Parteien entstanden und viele von ihnen auch wieder von der politischen Bühne verschwunden. Mit seinen inzwischen 95 Jahren war Günter-Helge Strickstrack von Anfang dabei. Seit 66 Jahren macht er sein Kreuz bei der CDU und hat seitdem keinen Bundesparteitag verpasst. Wir wollten wissen, wie er die aktuellen Entwicklungen in der Parteienlandschaft einschätzt.

BISS35: Herr Strickstrack, Sie sind nicht nur eines der ältesten Mitglieder, sondern auch einer der noch wenigen verbliebenden Gründerväter der Christlich Demokratischen Union. Wie sind Sie zur CDU gekommen?

Strickstrack: Als der Krieg vorbei war, war ich zunächst berufslos – zuvor war ich Offizier in einem Stuka-Geschwader der Luftwaffe. Kurt Schumacher imponierte mir damals sehr. In Lienenstädt war eine Versammlung der SPD und als Hauptredner war Schumacher vor Ort. Ich bin hingegangen und war auch begeistert von der Rede. Anschließend sprach der Bürgermeister der Stadt, Herr Hartmann, und hat uns Soldaten als Kriegsverbrecher bezeichnet. Da habe ich mich zur Diskussion gemeldet und habe dagegengehalten. Als die Versammlung zu Ende war, kam ein Herr auf mich zu und sagte: „Wir kommen morgen in Braunschweig zusammen und wollen eine christliche Partei Gründen. Ich habe Sie eben gehört und würde mich freuen, wenn Sie mitkämen.“ Dann bin ich am nächsten Tag nach Braunschweig gefahren und habe die CDU mitgegründet.

BISS35: Bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich sind beide großen Volksparteien abgeschmiert. Die SPD liegt bei Umfragen zeitweise schon unter 20 Prozent und auch die CDU hat Federn lassen müssen. Würden Sie sagen, die Volksparteien befinden sich derzeit in einer Krise?

Strickstrack:
Ich glaube ja. Mir ist der Grund völlig unbegreiflich. Es hängt zusammen mit der Flüchtlingsfrage, wodurch ein Teil der Leute offenbar zur AfD rübergegangen ist. Dass das auf Dauer gesehen deren Heimat sein wird, das glaube ich nicht. Aber es ist zumindest eine große Gefahr. Vielleicht ist die CDU auch ein bisschen zu weit nach links gerückt. Ich habe sehr bedauert, dass der Friedrich Merz ausgeschieden ist. Das war damals für meine Begriffe ein großer Verlust für die CDU. Ich würde mir sehr wünschen, dass er wieder zurückkäme.

BISS35:
Glauben sie, dass die Menschen das Vertrauen in die Politik oder die Politiker verloren haben?

Strickstrack:
Vertrauen auch, aber vor allen Dingen das Interesse. Es besteht eine ausgesprochene Gleichgültigkeit den Parteien gegenüber – was zum Teil auch durch die Flüchtlingskrise weiter aufgeputscht wird. Es gibt sicher viele Leute, die mit der Angst vor Überfremdung nicht fertig werden. Die AfD hat das ausgenutzt und das hat diesen Zulauf gebracht. Sie haben das Gegenteil an Politik verkauft, haben gesagt, wir wollen nichts mit Muslimen zu tun haben, das gehört nicht zu Deutschland. Im Grunde ist das doch kein Argument. Denn wenn sie an die Gastarbeiter aus Spanien oder Italien denken, die haben sich hervorragend integriert hier bei uns.

BISS35:
Von der Gründung der Grünen zur Piratenpartei, Sie haben schon viele Parteien kommen und gehen sehen in Ihrem Leben. Was glauben Sie, wie wird sich die AfD entwickeln?

Strickstrack:
Ich habe persönlich die Hoffnung, dass sie sich überhaupt nicht entwickelt. Das ist ein Sammelbecken der Unzufriedenen und auch ein Sammelbecken derjenigen, die sich bei der CDU nicht konservativ genug vertreten fühlen. Denn wir haben in der CDU unter Merkel zumindest einen Schritt nach Links gemacht. Zwar nicht so übermäßig deutlich, aber wir haben eine Reihe von konservativen Wählern verloren. Die sind zum Teil zur AfD gegangen. Neulich im Fernsehen habe ich Frau Petry gesehen. Ihre Argumente mögen für jemanden der sich politisch nicht genau auskennt sicher interessant sein. Aber das ist in meinen Augen keine Partei, sondern eine Richtung, entstanden aus einer Situation. Und wenn sie sich das Programm ansehen, das ist kein richtiges Programm. Es steckt voller Widersprüche. Und innerhalb des Vorstandes ist völlige Konfusion.

BISS35:
Die Bauern und die Jäger stehen den Grünen ja verständlicher Weise häufig sehr skeptisch gegenüber. Sie stammen selbst auch aus dem ländlichen Raum und werden die Streitpunkte sicher kennen. Schaut man nach Hessen läuft es mit Schwarz-Grün jedoch ganz gut. Ist das für Sie auf Bundesebene eine Option, die Zukunft haben könnte?

Strickstrack:
Man muss sehen, dass die Grünen sich seit der Fischer-Zeit erheblich geändert haben. Sie sind sehr viel klüger geworden, machen mehr Kompromisse und haben sich mehr auf die reale Politik eingestellt. Beispiel Baden-Württemberg: Der Kretschmann ist mit großer Zustimmung gewählt worden. Das Grüne vom Fischer ist nicht mehr das Grüne von heute.

BISS35:
In anderen Ländern wie Österreich kann der Bundespräsident direkt gewählt werden. In der Schweiz entscheiden die Bürger sogar über viele Sachfragen direkt. Glauben Sie, wir brauchen in Deutschland auch mehr direkte Demokratie?

Strickstrack:
Darüber kann man nachdenken, aber das ist meiner Meinung nach nicht das große Problem. Das große Problem ist, dass die Parteien im Moment nicht in der Lage sind, die Bevölkerung hinter sich zu bringen. Darüber muss man sich Gedanken machen. Es hängt damit zusammen, dass wir ein reiches Volk geworden sind. Aus dem Wohlleben ist eine gewisse Gleichgültigkeit entstanden und die Leute beschäftigen sich nicht mit Politik. In Krisenzeiten oder wenn sie selbst in Not sind, werden sie sehr viel aktiver.

BISS35:
Hinter Ihnen hängt ein Bild von Ihnen und Bundespräsident Gauck. Sie durften ihn damals bei der Bundesversammlung mitwählen. Ihr Eindruck von Herrn Gauck?

Strickstrack:
Ich habe ihn vorher schon ganz gut gefunden. Er ist ein eigenwilliger Mann. Er macht es eigentlich gut. Man kann darüber diskutieren. Ganz interessant: Fünf Wochen nach der Wahl hat mich jemand angerufen und bat mich, meinen Wahlausweis zu verkaufen für 2000 Euro. Ich habe ihm gesagt, Sie können das nicht kaufen, ich behalte das natürlich. Also sowas gibt’s. [Lacht]

BISS35:
Sie wollten früher kein Mandat haben, weil Sie unabhängig sein wollten. Wie sehen Sie das heutzutage mit den Delegierten auf Parteitagen? Viele von denen sind ja Mandatsträger und Berufspolitiker.

Strickstrack:
Ich bin Offizier gewesen, danach war ich berufslos. Mir wurde angeboten Abgeordneter zu werden. Das habe ich abgelehnt. Denn wenn ich ein Mandat habe und keinen beruflichen Hintergrund, dann muss ich meine Meinung wahrscheinlich doch mehr der Fraktion anpassen, damit ich wiedergewählt werde. Darin sehe ich eine Gefahr. Ich erlebe das heutzutage häufig, dass Menschen grad ihr Studium fertig haben und dann Mandatsträger werden, das halte ich für gefährlich. In den ersten Bundestagen hatten wir 60 bis 70 Prozent Menschen, die aus der Wirtschaft kamen, aus dem richtigen Leben und nicht Berufspolitiker waren.

BISS35:
Repräsentiert das Parlament heutzutage noch die Gesamtbevölkerung in ihrer Vielschichtigkeit – zum Beispiel in Bezug auf Alter oder Beruf?

Strickstrack:
Das können Sie schon seit mehreren Perioden nicht mehr sagen. Wenn Sie sich jetzt die Zusammensetzung ansehen, werden Sie feststellen, dass Berufe kaum noch abgebildet sind. Es gibt ein paar Rechtsanwälte, aber nicht so wie früher Ärzte oder Lehrer. Also beruflich repräsentieren wir die Bevölkerung nicht mehr. Darin sehe ich auch eine Gefahr.

BISS35:
Fühlen Sie sich heute noch gut in der CDU vertreten?

Strickstrack:
Ja, definitiv. Es tut mir Leid, dass wir von der Mitte etwas in die linke Mitte gegangen sind. Ich halte das nicht für gut. Darum fehlt mir wie gesagt der Merz sehr.

BISS35:
Was sollte in dieser Legislaturperiode noch angegangen werden. Was sind die dringlichsten Themen?

Strickstrack:
Die CDU hat alle Dinge, die sie sich vorgenommen hat, trotz der SPD gut erreicht, finde ich. Und die Kompromisse, die sie der SPD gegenüber eingegangen ist, wie zum Beispiel Mindestlohn, sind vertretbar. Hier hat sich inzwischen auch herausgestellt, dass dies nicht geschadet hat. Ich halte die Kanzlerin auch für eine exzellente Figur und wir können uns glücklich schätzen, dass wir sie haben. Ich habe Kohl durchaus verehrt, aber ich halte die Merkel für noch besser.

 

Zur Person:
Günter-Helge Strickstrack
28. 05. 1921 in Wieda geboren
1938 bis 1945 Soldat in der Luftwaffe
1948 bis 1950 Regierungsrat im Ministerium für Wirtschaft und Verkehr in Hannover
1950 Unternehmer in der Textilindustrie
ab 1970 Geschäftsführer der GHS Berlin: Bau von Altersheimen und Kliniken
Funktionen in der Union: (u.a.) Kreisgeschäftsführer der CDU Goslar; erster Vorsitzender der Jungen Union Braunschweig; Landesvorsitzender der Jungen Union Niedersachsen