AutorWiniarskiAndreas Winiarski ist ein leidenschaftlicher Medienmensch. Er ist Gründer und Managing Partner der RCKT. Rocket Communications GmbH & Co. KG sowie Senior Vice President Global Communications und Unternehmenssprecher der Rocket Internet SE. Vor seiner Tätigkeit bei Rocket arbeitete er für die Chefredaktion von BILD, Europas größter Tageszeitung. Für BILD koordinierte er digitale Projekte und verantwortete u.a. Entwicklung und Launch von STYLEBOOK.de. Er war Pressesprecher bei der Axel Springer SE und hat in der Unternehmenskommunikation der Bayer Schering Pharma AG gearbeitet. Andreas studierte Betriebswirtschaftslehre mit Unterstützung der Schering AG sowie Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politik mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung. Andreas ist Mitglied im Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ des Bundeswirtschaftsministeriums sowie im Beirat des cnetz, dem Digital-Think-Tank der CDU Deutschlands.

Für die aktuelle BISS35 konnten wir Andreas Winiarski zu einem Interview gewinnen. Das komplette Gespräch mit den Fragen unseres Chef-Redakteurs, Markus Schmidt-Ott, könnt Ihr hier nachlesen.

Markus: Beim Thema Scheitern denkt man nicht unbedingt an Rocket. Kann man die Erfolge und Misserfolge von Rocket irgendwie in Zahlen ausdrücken?

Winiarski: Normalerweise ist es so, dass 90 Prozent der Startups scheitern; es also nicht schaffen, vom Startup zum Wachstumsunternehmen zu werden. Bei Rocket ist es genau umgekehrt. Wir können es gar nicht genau ausdrücken, wie viele scheitern, weil es so wenige sind. Aber ich würde sagen, bei 90 Prozent klappt es und 10 Prozent vielleicht nicht – einfach, weil wir in puncto Geschäftsmodellebene das Risiko rausnehmen, indem wir vorhandene Erfolge adaptieren und mithelfen, die Teams zusammenzustellen. Das Team ergibt sich also nicht durch Zufall oder persönliche Bekanntschaft, sondern ist ein sehr systematischer Prozess. Wir setzen die Dinge mit sehr viel Erfahrung um. Da gibt es viele Punkte, an denen wir aufgrund unserer Vielfältigkeit und der langen Geschichte gezielt Risiken minimieren.

Markus: Thema Risikokultur: Wir hören immer wieder, dass wir mehr Leute brauchen, die bereit sind, zu gründen. Wenn man sich die Berliner Startup-Szene anschaut, könnte man meinen, hier sei die Gründer-Welt in Ordnung. Brauchen wir wirklich mehr Bereitschaft zum Risiko?

Winiarski: Zum einen brauchen wir gerade auch auf der Ebene der Entscheider in Politik und Wirtschaft – gerade in der Wirtschaft – mehr Risiko. Wir sind ein Land, in dessen größten Aktienindex, dem DAX, nur noch ein Gründerteam lebt, nämlich das von SAP. Problem ist auch die Investmentbereitschaft von Banken oder auch von großen Unternehmen. Dort werden die Themen Startup und Venture Capital nicht immer groß geschrieben, weil es immer Hochrisiko-Investments sind. Und mit Risiken haben wir es in Deutschland eben nicht so. Da brauchen wir auf jeden Fall mehr. Gerne auch eben mit gewissen neuen Rahmenbedingungen, die der Staat dann setzen muss. Ich schreie nicht nach Subventionen, sondern danach, dass man es zum Beispiel Business Angels nicht schwieriger macht. Was die Gründer angeht: Ja, die jungen Menschen stimmen schon längst mit den Füßen ab und gründen sehr viel. Nicht nur in Berlin. Was Deutschland aber wirklich braucht, ist die Digitalisierung unserer angestammten Industrien. Dabei ist der Schulterschluss von Startups, Industrie und Mittelstand wichtig. Wir müssen das, was wir uns als Volkswirtschaft erarbeitet haben, verteidigen. Stichwort Automobilwirtschaft, Maschinenbau und Werkhalle der Zukunft – da haben wir große Industrien und Weltmarkt-Player aus dem Mittelstand, die sich mit dem Thema Digitalisierung noch sehr schwer tun. Und das, obwohl klar ist, dass diese Märkte in den nächsten Jahren komplett neu verteilt werden. Umso wichtiger sind Startup-Gründer, die unsere Großunternehmen von außen mit Ideen herausfordern und befruchten, um das in einem Miteinander Neues entstehen zu lassen.

Markus: Wie bekommt man Leute dazu, mehr Risiko einzugehen?

Winiarski: Die jungen Leute stimmen schon längst mit den Füßen ab und gehen nicht mehr unbedingt in eine Beraterkarriere oder in einen Konzern, sondern gründen sehr oft. Oder sie kommen genau aus diesen Feldern und machen sich dann selbstständig. Einerseits müssen wir schauen, dass die Top-Talente nicht ins Ausland ziehen, sondern dass es hier erfolgreiche Online-Unternehmen oder digitalisierte Unternehmen gibt, die auch genauso Mittelständler oder Konzerne sein können. Ich sehe das nicht als Gegensatz – es muss zusammenkommen. Wie wir das hinbekommen, liegt an ganz vielen kleinen Punkten: Beispielsweise auch daran, wie Geld ins Startup- System fließt. In Stanford ist es den Professoren beispielsweise erlaubt, in ihre Absolventen zu investieren. Der Professor gründet das Startup quasi mit. Überkommene Besoldungsgesetze machen es fast unmöglich, dass deutsche Professoren in ihre Absolventen investieren. Es geht weiter darum, dass wir die Forschungsergebnisse unsere Grundlagen- und Hochtechnologieinstitute verstärkt auch kommerziell nutzen. Spin-offs aus Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz müssen vereinfacht werden. Die Ausgründungsrate ist einfach viel zu gering. Ich rufe jetzt nicht nach dem Motto „Geld für die Berliner Startup- Unternehmer“, denn diejenigen, die erfolgreich sind, haben auch jetzt schon den Zugang zu Kapital. Sondern die Verbindung aus Mittelstand, Industrie und Startups und wie wir unsere Forschung auf die Straße kriegen, das wird das Entscheidende sein.

Markus: Jeder zweite Gründer gründet nicht, weil er Angst hat, Pleite zu gehen. Oft folgt auf eine Insolvenz des Startups eine Insolvenz des Gründers. Brauchen wir ein neues Insolvenzrecht?

Winiarski: Die Rahmenbedingungen in Deutschland sind gar nicht so schlecht. Ich sehe das Versagen eher auf der Seite der wirtschaftlichen Eliten, nicht so sehr im Bereich der Gesetzgebung. Es ist eben einfach so, dass unsere Konzerne wahrscheinlich Opfer ihres eigenen Erfolges sind. Es läuft sehr, sehr gut für die deutsche Großindustrie und deshalb ist die Offenheit gegenüber den Jungs in Hoodies und Jeans ausbaufähig. Unsere Unternehmen sind ja im Weltmaßstab kompetitiv. Die Rahmenbedingungen stimmen. Zudem ist der Gesetzgeber zu zusätzlichen Erleichterungen bereit und hat beispielsweise schon vor Jahren die UG als Gründungsform zugelassen, bei der man mit ein paar hundert Euro ein Unternehmen gründen kann, das entsprechenden Rechtsschutz bietet. Auch die Kommunen haben die Abläufe in ihren Gewerbeämtern schon längst modernisiert. Es fehlt letztendlich der Zustrom von Kapital. Dass ansonsten eine Gründung immer viel Risiko, auch privat, beinhaltet, ist in der Tat richtig. Aber das ist im Silicon Valley kein bisschen anders.

Markus: Apropos Hoodie und Jeans: Wenn ich mir die Startup- Szene angucke, kommt mir das oft ein bisschen vor, wie eine Art Künstlerszene. Viele Startups triggern zwar schön den Spieltrieb der Leute, diese Ideen bringen uns aber nicht großartig weiter. Fehlt es uns vielleicht auch an guten Ideen?

Winiarski: Das ist schwer zu sagen. Es fängt natürlich grundsätzlich immer mit den profansten Ideen an. Also auch ein Airbnb, was letztendlich nur Übernachtungen neu denkt, hat trotzdem die Welt verändert, weil es die Share-Economy befeuert hat, die sich nun in vielen Lebensbereichen durchsetzt. Ziel für uns Deutsche muss es sein, dass in keinem anderen Land der Welt mehr Startups zum Thema neue Mobilität gegründet werden als in Deutschland. Ich glaube aber nicht, dass das in erster Linie Aufgabe von Politik ist, sondern das wäre die Aufgabe von Volkswagen, Daimler, BMW, Audi und so weiter. Ich frage mich, warum es von dort nicht kommt. Letztendlich sind sie nämlich diejenigen, die Umsätze verlieren. So wird es am Ende doch ein politisches Thema, denn der Wohlstand unseres Landes hängt zu einem Viertel vom Auto und dem Maschinenbau ab. Da brauchen wir in der Tat eine große Gründungswelle, eine große Innovationsoffensive. Denn auch zukünftig müssen die besten Autos und Mobilitätskonzepte aus Deutschland kommen.

Markus: Ich habe völlig erstaunt festgestellt, dass selbst You- Tube rote Zahlen schreibt. Rein aus dem Bauch heraus würde man ja meinen, das müsste riesige Gewinne abwerfen. Vermutlich liegt das daran, dass unglaublich viel investiert wird, anstatt Gewinne zu ernten, um den Anschluss zu behalten. Mir kommt das vor wie ein unglaublich schneller Wettlauf, bei dem irgendwann ein paar Firmen krachend vor die Wand fahren.

Winiarski: Am Ende hat der Markt meist Recht und verfolgt seine eigenen Gesetze. Es kann immer sein, dass man in einer Blase ist und man weiß es erst danach. Ich glaube aber, dass wir uns in einer industriellen Revolution befinden, wie einst bei der Einführung des Fließbandes, das Fertigungsprozesse komplett neu definiert hat. So ist das jetzt auch mit der Digitalisierung, die ja in jedes Werkstück, in jedes Produkt, in jeden Lebensbereich hineinspielt. Und da stehen wir erst ganz am Anfang. Natürlich kann es sein, dass die eine oder andere Unternehmensaktie überbewertet wird, weil der Markt zu viel Hoffnung darauf setzt. Aber wenn man die Digitalisierung als Ganzes anschaut, wird man sehen, dass wir erst am Anfang stehen. Die, die unsere Zukunft nicht digital denken, wird es einfach nicht mehr geben und da wird sicherlich auch viel Kapital vernichtet werden. Und da mache ich mir in der Tat auch im Hinblick auf unsere großen deutschen Player meine Gedanken.

Markus: Viele ziehen ja Parallelen zu der Dotcom-Blase, was wiederum von anderen vehement verneint wird. Wo sind da die Unterschiede?

Winiarski: Damals gab es eigentlich nichts außer bunten Folien und Heilsversprechung. Es war auch noch gar kein relevanter Markt da. Wie viele Internetanschlüsse gab es denn zum Beispiel? Heute ist eigentlich jeder online, jeder gibt einen gewissen Anteil seiner Zeit und seines Geldes online aus. Das Gleiche erlebt man in den Entwicklungsländern. Wir sehen ja jetzt gerade durch die Flüchtlingswelle, wie alltäglich Smartphones auch in relativ gesehen armen Regionen sind. Also der Markt ist heute da, die Zahlungsströme sind längst da und das ist ein riesiger Unterschied zur Dotcom-Blase.

Markus: Also die Ideen kamen damals einfach zu früh?

Winiarski: Ja, das kann man so sagen. Die meisten Ideen, die damals geboren wurden, sind heute letztlich Wirklichkeit geworden. Es gab aber auch viel Scharlatanerie, weil einfach jeder an die Börse gegangen ist und der Markt völlig überdehnt wurde. Rocket Internet geht Beteiligungen an Internetstartups ein und stellt Risikokapital, unterschiedliche Infrastrukturdienstleistungen sowie Zugang zu einem Netzwerk aus Investoren bereit. Häufig werden die Unternehmen nach wenigen Jahren wieder abgestoßen. Zu Rocket Internet gehören unter anderem Zalando, Westwing und Home24. Gegründet wurde Rocket Internet 2007 von Marc, Oliver und Alexander Samwer. Im Oktober 2014 ging Rocket Internet an die Börse. Es war der größte Börsengang eines Internetunternehmens in Europa seit 2000. Das Entscheidende ist doch aber: Die Zeiten sind heute andere und wir werden die digitale Herausforderung meistern. Denn auch Deutsche können Internet und wir brauchen dieses Made in Germany 2.0!